Fundación Nicolás Guillén

Die 1991 gegründete Stiftung verwaltet das literarische Erbe von Nicolás Guillén (1902-1989), dem wichtigsten kubanischen Nationaldichter und Schriftsteller. Guillén, ein Hauptvertreter der afrokaribischen Poesie, begeisterte mit seinem Schaffen schon zu Lebzeiten Menschen weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus.

Die Stiftung widmet sich der Verbreitung des literarischen Werks Guilléns und regt durch vielfältige Veranstaltungen – Konferenzen, Symposien, Ausstellungen, Musik- und Theaterdarbietungen – auch zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seinem Schaffen an. Sie sieht sich aber auch in der Verantwortung, Guilléns gesellschaftliches Engagement in seinem Sinne fortzuführen und leistet mit vielfältigen, gemeinnützigen Projekten in marginalisierten Gemeinden einen Beitrag zur Ausarbeitung lokaler Entwicklungsstrategien.

Als Projektpartner von Zunzún führt die Fundación Nicolás Guillén zwei Projekte durch: Das Projekt Formación 1 schult lokale Führungspersönlichkeiten in der Selbstorganisation und Problemlösung auf kommunaler Ebene; im Computerclub in Havannas marginalisierten Viertel La Timba erwerben Jugendliche umfassende Computerkenntnisse.

Webseite der Fundación Nicolás Guillén: www.fguillen.cult.cu

Interview mit Elena Martínez

Portrait Elena MartínezIm Gespräch mit Zunzún erzählt Elena Martínez, langjährige Projektpartnerin von Zunzún und erfahrene Leiterin von Projekten zur Unterstützung von lokalen Führungskräften für die Entwicklung und Umsetzung lokaler Entwicklungsstrategien, von der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Zunzún und der Bedeutung der educación popular für ihre Projekte.

Elena, blicken wir zuerst ein wenig zurück. Wann ist der erste Kontakt mit Zunzún entstanden?

Das ist schon lange her. Wir arbeiten ja auch an einem gemeinsamen Projekt in der Timba zur Transformation jenes Viertels. Vor langer Zeit ist ein Artikel in der Granma erschienen, den Niklaus Eggenberger gelesen hat. Interessiert hatte er sich daraufhin an Orestes Fabelo gewandt, der damals unser Delegierter des Kommunalparlaments war. Damals arbeitete ich noch für das Centro de Investigaciones Psicológicas y Sociológicas (CIPS). Das war im Jahr 1998/1999. Seitdem arbeiten wir sehr eng zusammen.

Welche Art von Unterstützung erhalten Sie denn von Zunzún?

Nun, formell in Form von Geld. Aber ich sehe darin eine Art von Unterstützung, die weit über die finanzielle Zusammenarbeit hinausgeht. Andere Organisationen geben Geld und bringen Optimierungsvorschläge ein, mehr aber nicht. Unsere Zusammenarbeit ist anders, denn sie geht weit über das Formelle hinaus. Zunzún bietet uns nicht nur Geld und Wissen, sondern auch Freundschaft. Niklaus Eggenberger begleitet das Projekt mit einem derartigen Engagement, als wäre er selbst Mitglied des Projektteams. Ich könnte auch niemals mit einer Organisation zusammenarbeiten, die nichts von educación popular hält. Aber von Zunzún weiss ich, dass dieselben Vorstellungen von Entwicklung vorherrschen wie wir sie haben. Auch auf persönlicher Ebene haben wir eine enge Beziehung zu den Mitarbeitenden von Zunzún aufgebaut. Wir haben eine Arbeitsvereinbarung, die auf Respekt und Verständnis basiert. Wir schätzen sowohl die Menschen selbst als auch ihre Arbeit und Entscheidungen. Damit haben wir eine Arbeitsatmosphäre geschaffen, die weit über Workshops und Formalität hinausgeht. Es ist eine menschliche Zusammenarbeit.

Was würden Sie denn als den grössten Erfolg betrachten, der aus Ihrem Projekt bisher hervorgegangen ist? Gab es emotionale Situationen, die Sie besonders gut in Erinnerung behalten haben?

Den gibt es nicht. In jeder Gemeinschaft äusseren sich die Gefühle auf eine andere Weise. Um ehrlich zu sein, würde ich mir auch nicht anmassen, emotionale Situationen in Gemeinschaften untereinander zu vergleichen. Trotzdem erinnere ich mich gerne an alle gefühlvollen Momente, an denen ich beteiligt sein durfte. In jeder Gemeinschaft gab es mal positive und mal negative Ereignisse, die gefühlsgeladene Momente erzeugten. Überall sind die Leute aber sehr herzlich und zeigen, wie sehr sie uns und unsere Arbeit schätzen. Obwohl es natürlich manchmal etwas zu klagen gibt, aber das ist normal.

Hatten Sie auch mit sehr grossen Herausforderungen zu kämpfen?

Nun ja, manchmal wird unsere Arbeit immer noch zurückgewiesen. Einige Personen – vor allem Beamte – verstehen immer noch nicht, dass es wichtig ist, benachteiligen Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Je höher ihre Position und ihr Verantwortungsbereich, umso grösser ist die Ablehnung unseres Projekts. Aber jeder, der Projekte dieser Art umsetzen möchte, muss früher oder später mit Widerstand rechnen. Mir ist schon klar, dass Beamte weisungsgebunden sind, selbst unter externem Druck stehen und Anweisungen befolgen müssen. Ich fände es aber gut, all jene Beamten in unsere Kurse einzubinden, die mit diesem Projekt in irgendeiner Verbindung stehen. Denn in den Workshops werden die gemeinsamen Probleme der Gemeinschaft diskutiert. Manchmal haben Kooperativen zum Beispiel Probleme, ihre Produkte an staatliche Betriebe zu verkaufen. Die Gründe dafür sind meist bürokratischer Natur, meistens fehlen Papiere. In unseren Workshops arbeiten wir deswegen häufig mit Rollentausch, damit die Menschen verstehen, aus welchen Perspektiven ein und dasselbe Problem betrachtet werden kann. So verbessern sich auch die Lösungsstrategien. Das könnte auch Beamten nicht schaden. Auch Beamte sind Mitglieder dieser Gemeinschaft.

Sie arbeiten mit dem Ansatz der educación popular. Warum gerade damit?

Weil ich der Gesellschaft damit etwas zurückgeben wollte. Die educación popular strebt danach, die BürgerInnen zu befähigen, bei der Verhandlung von Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu aktiven Akteuren zu werden. Dafür ist es notwendig, nicht nur die institutionelle Struktur, sondern auch die Partizipationsmöglichkeiten und -fähigkeiten der Einzelnen zu verändern. Die Veränderung der institutionellen Struktur bedeutet zum einen, den staatlichen Vertretern die Bedeutung von staatsbürgerlicher Partizipation näher zu bringen und neue Impulse für die aktive Beteiligung von BürgerInnen zu geben. Zum anderen muss die politische Partizipationskultur der Zivilgesellschaft gestärkt werden, damit sie über das blosse Einfordern von Rechten hinausgeht, konstruktiv ist und aktiv Teil der politischen Entscheidungsfindung wird. Damit ist die bürgerliche Beteiligung auch auf die bedürfnisorientierte Lösung von gemeinsamen Problemen gerichtet.

Deswegen geht es der educación popular darum, einen Bruch im vorherrschenden Gesellschaftssystem zu erzeugen und sozial benachteiligten Personen dabei zu helfen, sich aus vermeintlich vorgegebenen Strukturen zu befreien. Damit werden gemeinsam mit den Menschen, die unmittelbar von einem sozialen Problem betroffen sind, Strategien erarbeitet, die bei den Betroffenen ein strukturelles Umdenken bewirken. Dabei sollen alte Gewohnheiten und Konzepte infrage gestellt und neue, partizipative Lösungsansätze für alltägliche Probleme gefunden werden.

Die Veränderung von Einstellungen zu bestimmten Dingen benötigt Bewusstseinsbildung auf allen gesellschaftlichen Ebenen, vom hochrangigen Funktionär bis zum einfachen Bauern. Es ist daher unumgänglich, bewusstseinsbildende Kurse anzubieten, die vom praktischen Umfeld der Menschen ausgehen, ihre Kontexte und Hintergründe sowie die Geschichte der jeweiligen Gemeinschaft berücksichtigen und in der Lage sind, die Realitäten der Teilnehmenden zu verändern.

Dass aber der Bruch mit alten Strukturen und Denkmustern schwierig und langwierig ist, zeigt sich in der Praxis. Im Laufe eines Kurses über die Ansätze der educación popular habe ich einmal versucht, die Einstellungsveränderung der Teilnehmenden praktisch zu testen, um ihnen zu zeigen, wie tief die vorkonstruierten Realitätsentwürfe in ihnen verankert sind. Ich habe den Teilnehmern den Auftrag gegeben, für die Dauer des Kurses einen Gruppenführer oder eine Gruppenführerin zu bestimmen. Ich habe hinzugefügt, dass diese/dieser auch gefährliche Situationen zu bewältigen hätte. Die Gruppe hat mir den grössten und stärksten Mann präsentiert, der sich unter ihnen befand. Sie haben die Person nach dem Konzept ausgewählt, das wir von einem Führer im Kopf haben: gross und stark, den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprechend. Trotz all dem Bewusstsein für die Ursachen ihrer sozialen Position, das sie sich in den Kursen bereits geschaffen haben, folgten sie unterbewusst den „alten“ gesellschaftlich konstruierten Vorstellungen. Den Transformationsprozess, den die Teilnehmenden gemeinsam mit ihrem Umfeld durchlaufen müssen, können wir ihnen nicht abnehmen. Wir können ihn aber anstossen und den Menschen dabei helfen, gelebte Realitäten zu hinterfragen und andere Lösungswege für soziale Probleme zu entwerfen.