Sport im Quartier

Sport und Spiel zur Verbesserung der Lebensqualität

Psychosoziales Sport- und Spielprojekt in Havanna

Um das Wohlbefinden von Kindern in La Timba, einem benachteiligten Stadtviertel im Zentrum Havannas, zu verbessern, hat Zunzún gemeinsam mit dem Centro de Investigaciones Psicológicas y Sociológicas (CIPS) ein psychosoziales Sport- und Spielprojekt ins Leben gerufen, in dessen Rahmen sich mehrmals pro Woche Sportplätze, Gemeinschaftszentren und andere freie Flächen zu Orten gemeinsamer Sportstunden verwandeln und wo nicht die Sportcoaches, sondern die Kinder selbst das Sagen haben: Sie sind es, die darüber bestimmen, welche Spiele zu welchem Zeitpunkt gespielt werden. Einzige Kriterien: Freude sollen sie bringen und lehrreich müssen sie sein.

Foto Sportprojekt

Mittels Sport zu psychosozialen Transformationsprozessen

Sportliche Aktivitäten, fachkundig angeleitet, verfügen über ein grosses Potential als Instrument zur psychosozialen Veränderung. Das Sportprojekt nutzt dies gezielt, um die Kinder in ihrer sozialen Entwicklung zu fördern und langfristige Verhaltensänderungen zu bewirken. Im Sinne einer ganzheitlichen und nachhaltigen Förderung der Lebensqualität benachteiligter Kinder zielt das Projekt daher nicht nur darauf ab, sonst fehlende Freizeitstrukturen und Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen, sondern auch auf die Steigerung des Selbstwertgefühls der Kinder, auf die Entwicklung von Gemeinsinn und auf die Sensibilisierung für gesundheitliches Risikoverhalten. Die Unbeschwertheit und Freude, welche Kinder während sportlicher Betätigung empfinden und die Stärkung ihrer sozialen Kompetenz auf dem Spielfeld, können mit pädagogischem Geschick so gelenkt werden, dass Kinder das in den Sporteinheiten Erlernte auch in ihrem Alltag anwenden – und zudem gewinnbringend für die Gemeinschaft auf ihr soziales Umfeld übertragen.

Im Rahmen des Sportprojekts wird den Schülerinnen und Schülern der Gustavo Pozo-Grundschule in der Timba seit 2007 ein sinnstiftender Zeitvertreib geboten, der zugleich auch einen psychosozialen Nutzen bietet: Durch ausserschulische Sportstunden und Teamsport-Aktivitäten, die von schuleigenen Lehrkräften sowie zusätzlich von PädagogInnen, diplomierten SportlehrerInnen und SozialarbeiterInnen geleitet werden, werden die Kinder dazu motiviert, sportlich aktiv zu sein, miteinander Zeit zu verbringen, wichtige Grundwerte wie einen fairen Umgang, Respekt und Teamfähigkeit zu erlernen und sich mit sozialen Problemen wie Tabak-, Alkohol- oder Drogenkonsum auseinanderzusetzen.

Foto Sportprojekt

Wissenschaftliche Begleitung des Projekts

Rechercheergebnisse des CIPS, welches das Programm nicht nur umsetzt, sondern auch wissenschaftlich begleitet, deuten auf einen sozialen Transformationsprozess hin: Die Kinder zeigen deutlich mehr Gemeinsinn, sie sind verantwortungsbewusster geworden und fühlen sich sozial besser in die Gemeinschaft integriert – und sie sind wieder motiviert, in die Schule zu gehen und zu lernen, was sich nicht zuletzt auch an besseren schulischen Leistungen zeigt. Gewalt und Aggressionen während der Schul- und der Freizeit nahmen ab; dasselbe gilt für den Konsum von Suchtmitteln unter den teilnehmenden Kindern. Ebenso zeugen die Ergebnisse von einer wahrnehmbaren Verbesserung der Beziehungen zwischen den Kindern, sowohl in der Schule als auch in der Gemeinschaft: Nicht selten gehen sie nach den Sportstunden nach Hause und versuchen, Nachbarskinder zur gemeinsamen Fortführung der Spielaktivitäten zu bewegen, oder sie weisen ihre Eltern mit Erfolg auf die gesundheitlichen Risiken des Rauchens hin.

Foto Sportprojekt

Von der Timba zur landesweiten Multiplikatorenschulung

Für seine sportlich-psychosozialen Erfolge erhielt das Projekt bereits 2007 eine erste Auszeichnung von der kubanischen Regierung. Das kubanische Erziehungsministerium kürte es zu einem der fünf besten wissenschaftlichen Projekte Havannas. Es folgten eine Fernsehdokumentation, öffentliche Einladungen für Präsentationen und weitere Preise. Seit Kurzem zieht der innovative Ansatz des Projekts auch das Interesse des Nationalen Instituts für Sport und Sporterziehung (INDER) auf sich, das die Methode im Rahmen der Sportlehrerausbildung resp. des Sportunterrichts mit Kindern anderer Schulen anwenden möchte. Die zahlreichen Ehrungen während der ersten Phase führten dazu, dass das Projekt 2009 nicht nur verlängert, sondern auch ausgeweitet wurde. Motivierte Mütter und Väter des Viertels La Timba wurden umfassend in Sportdidaktik und -pädagogik, in Konfliktlösung, Umgang mit Gewalt und Aggression sowie in der psychosozialen Unterstützung der kindlichen Entwicklung geschult. In mehreren Workshops wurden die Eltern so auf ihren Einsatz als Sportcoaches vorbereitet. Seit 2010 leiten auch sie Sportstunden, ein- bis zweimal monatlich an Samstagen oder Sonntagen, mit punktueller Unterstützung durch das Projektteam. 2012 wurde die Leitung der Sportaktivitäten mit dem Ende der zweiten Projektphase vollständig an die Gemeinde übergeben. Damit wurde neben der Stärkung der Eigenverantwortung auch ein wichtiger Beitrag zur Lokalentwicklung geleistet.

Foto Sportprojekt

Um auch Kindern und Jugendlichen ausserhalb der Timba die Möglichkeit zu bieten, von ausserschulischen, psychosozialen Sporteinheiten zu profitieren, laufen seit 2012 Anstrengungen, Sportinterventionen auch in weiteren Vierteln von Havanna und in anderen Provinzen des Landes anzubieten. Nach dem Vorbild der Projektumsetzung in der Timba wurden dafür interessierte Personen aus den Provinzen Villa Clara, Sancti Spíritus und Havanna, die beruflich oder in der Freizeit mit Kindern arbeiten, zu Sportcoaches weitergebildet.

Im Rahmen dieser Weiterbildungen führte Christoph Schwager Ende 2013 zum Beispiel ein einwöchiges Seminar durch, in welchem das lokale Projektteam intensiv auf die Ausbildung von Coaches vorbereitet wurde. Das folgende Video zeigt einen Zusammenschnitt des ersten Seminar-Tages (teils in Deutsch, teils in Spanisch).

Ab 2016 wird das Schulungsprogramm in weiteren Provinzen, beispielsweise Cienfuegos, Pinar del Río oder Matanzas, angeboten werden.

Zielgruppen

Kinder und Jugendliche; Sportcoaches & Lehrpersonal.

Partnerorganisation

Centro de Investigaciones Psicológicas y Sociológicas (CIPS).

Projektlaufzeit

Phase I: 2006 bis 2010
Phase II: 2009 bis 2012
Phase III: 2012 bis 2016

Bericht im kubanischen Fernsehen

Das kubanische Fernsehen hat in einer Reportage über das Proyecto Deporte berichtet:

Der originale Film kann gegen einen Unkosten-Beitrag von CHF 10.00 bei Zunzún (info@zunzun.ch) bestellt werden.

Interview

Interview mit der Projektleiterin, Bárbara Zas Ros

Weiterführende Informationen

Externe Evaluation des Projekts

Centro Martin Luther King (2008): External Evaluation of the Project ‘Sport in the Community: Towards Improving Quality of Life’ (PDF, 456kB, engl.)

Artikel von Bárbara Zas Ros über das Projekt

In: Unicef / CIPS (2010), "Niñez, adolescencia y juventud en Cuba" (S. 37-48):
Facilitación de cambios comportamentales favorables en la infancia desde un programa de transformación centrado en la práctica de deportes colectivos (PDF, 487kB, span.)

Wissenschaftliche Evaluation des Projekts durch das CIPS

CIPS (2012): Informe de Resultado Científico. Programa de Transformación Psicosocial Centrado en la Práctica Deportiva Grupal (PDF, 2.35MB, span.)

Handbücher für den Einsatz im Schulungsprogramm

CIPS (2013):  Manual de prácticas deportivas grupales : proyecto deporte en el barrio: el reto de vivir mejor (PDF, 5.07MB, span.)

CIPS (2014):  Manual para multiplicadores del Programa de Transformación Psicosocial centrado en la Práctica Deportiva Grupal (PDF, 2.34MB, span.)

 

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